17
Feb
2006

Tabuloser Puff-Journalismus

Nicht ganz ernst zu nehmen, und auch nicht exakt zum Thema passend. Aber diese Glosse aus dem Links-Blatt TAZ ist einfach zu gut, um sie nicht zu publizieren - auch wenn wir uns sonst von sämtlichen Inhalten des Blattes distanzieren.

Zwischen Bild und Bundestag hatte Ende letzter Woche noch traute Eintracht geherrscht: "Bundestag lobt ,Bild' ", schrieb Bild, nachdem Abgeordnete der FDP, der CDU und der SPD den "verantwortlichen Journalismus" des Bild-Herausgebers Kai Diekmann und seinen öffentlichen Schulterschluss mit dem Chefredakteur eines großen türkischen Kefirblatts gerühmt hatten. Dann aber gab Diekmann, übermütig geworden, am Montag die Schlagzeile heraus: "Riesen-Empörung im deutschen Bundestag - Linker Puff-Politiker macht Geld mit ,tabulosen Girls' ", und nun ist der verblüffend gute Ruf der Bild-Zeitung dahin.

Was war geschehen? Bild hatte das Mietverhältnis zwischen drei Prostituierten und ihrem Vermieter, der ein Bundestagsmandat der Linkspartei innehat, zur Staatsaffäre aufgebauscht und dazu allerlei Geräusche sittlicher Entrüstung ausgekeucht und abgerufen. "Bundestags-Vizepräsidentin Susanne Kastner (SPD) zu ,Bild': ,Ich bin geschockt. Herr Winkelmeier sollte den Anstand besitzen, den Bundestag zu verlassen.' Katharina Reiche (CDU): ,Ich bin empört, daß ein Mitglied des hohen Hauses von Prostitution profitiert. Dieser Fall zeigt ein hohes Maß an Doppelmoral.' Christine Scheel (Grüne): ,Das ist ja wohl das letzte. Daß ausgerechnet ein Abgeordneter der Linkspartei Wohnungen an Prostituierte vermietet - wo sich die Partei doch sonst gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen stark macht.' "

Dass ausgerechnet eine Abgeordnete der Grünen, die sich für die Rechte von Prostituierten stark machen, ausgerechnet in der Bild-Zeitung erklärt, es sei "ja wohl das letzte", Wohnungen an Prostituierte zu vermieten, wäre ulkig genug - nach Ansicht dieser grünen Klein-Erna gehören Huren, wenn sie sich schon nicht zur Putzfrau umschulen lassen wollen, gefälligst auf den Straßenstrich und nimmermehr in ein Apartment mit Wasseranschluss, Zentralheizung und elektrischem Licht, und wer den Bordsteinschwalben trotzdem eine Wohnung vermietet, der stehle weinend sich aus dem Bundestag und sei verstoßen tausendfach: Christine Scheel lehnt die sexuelle Ausbeutung von Frauen ab, setzt sich parteiprogrammgemäß für die soziale Absicherung von Prostituierten ein und spuckt in Bild vor einem Hausbesitzer aus, der auch Huren eine Wohnung vermietet. Was Christine Scheel selbstverständlich niemals getan hätte. Achtkantig hinausgeschmissen hätte sie die Nutten. In einer von Christine Scheel regierten Welt müssten alle Huren wieder auf der Straße anschaffen gehen, und es gäbe keine Bordelle mehr. Gut, dass man das weiß.

Doch es kommt noch besser: Erst am späten Montagabend blätterte Katharina Reiche (CDU) in Bild ein paar Seiten weiter und machte bei der Lektüre der Rubrik "Telefon-Service" die bestürzende Entdeckung, dass die Bild-Zeitung nur so getan hatte, als ob sie der Osservatore Romano sei: "Arbeitsloses Girl hat viel Zeit und will Sex", stand da zu lesen. "Egal von wem! Ich brauche es ständig und hart! Ruf mich an!" Katharina Reiche gingen schier die Augen über, als sie las, wer in ihrem Leib- und Magenblatt so alles seine Dienste feilbot: "Ständig geile Teenies (19+)", "Versaute Türkin, zu allem bereit", "Freches Biest - besser als deine Frau", "Devotes Luder will benutzt werden", "Anna, 60, reif & heiß" …

Gegenüber dpa hat Katharina Reiche ihrer Wut inzwischen Luft gemacht: "Ich bin empört, dass Kai Diekmann als Herausgeber der Bild-Zeitung von devoten Ludern profitiert. Dieser Fall zeigt ein hohes Maß von Doppel-, nein, von Quadrupelmoral!" Auch die Bundestagsvizepräsidentin ist auf Katharina Reiches neue Linie eingeschwenkt. Susanne Kastner zur taz: "Ich bin geschockt. Herr Diekmann sollte den Anstand besitzen, den öffentlichen Raum zu verlassen." Diesem Appell hat sich auch Christine Scheel von den Grünen angeschlossen: "Das ist ja wohl das Letzte. Dass ausgerechnet ein Herausgeber, der über einen Puff-Politiker herzieht, Anzeigenraum an versaute Türkinnen verkauft - wo sich Bild doch eben erst für die Freundschaft mit dem Türkentum stark gemacht hat."

Wird Kai Diekmann untertauchen? Lebenslänglich tragen wird er, wo er auch steckt, einen neuen Ehrentitel, denn wenn ein Politiker, zu dessen Mietern drei Prostituierte gehören, in Bild als "Puff-Politiker" geschmäht werden kann, wird man wohl auch einen Journalisten wie Kai Diekmann, dessen Zeitung Geld mit "geilen Teenies" macht, getrost als "Puff-Journalisten" bezeichnen dürfen. Davon wird er nicht mehr loskommen, der Puff-Journalist Kai Diekmann. Mein Ehrenwort als Puff-Journalisten-Beobachter. GERHARD HENSCHEL

taz vom 17.2.2006, S. 28, 156 Z. (TAZ-Bericht), GERHARD HENSCHEL
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